Schlagbaum im Dorf

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Schlagbaum im Dorf 2020-08-04T08:42:10+01:00
Die Stele wurde gefördert durch Krull – Wohnen & Leben mit Pflanzen

Der letzte Schlagbaum

Man schreibt das Jahr 1904. Vor der Gastwirtschaft Baumeister – später Hotel zur Post, heute Sparkasse – stand bis dahin einer der beiden Isselhorster Schlagbäume. (Der andere befand sich bei Lütgert am Postdamm.) Als er sich zum letzten Mal erhebt, wird ein Erinnerungsfoto aufgenommen.

In der Mitte des Fotos ist die Postkutsche zu sehen, mit dem jungen Heinrich Oppermann und einem Postbeamten auf dem Kutschbock sowie August Nottebrock und Gustav Schomann als Fahrgästen, auf dem Trittbrett steht der alte Oppermann. Der Zweispänner daneben befördert den damaligen Dorfarzt Dr. Grunow über Land. Das Auto – noch mit Kettenantrieb – wird chauffiert von Friedrich Elmendorf, während sich Theodor und Bernhard Elmendorf sowie deren Prokurist Sylke fahren lassen. Der Reiter ist Carl Mumperow, zu der Zeit Gemeindevorsteher. Der Name des Radfahrers ist nicht bekannt. Weiterhin im Bild: die Anwohner August Baumeister, von Beruf Wirt und Fleischwarenhändler, und das Ehepaar Schmalhorst mit seinen drei Kindern – neben dem Auto. Sie betrachten den Vorgang ebenso gespannt wie Heinrich Kramer im Hintergrund vor seinem Gasthaus (heute Isselhorster Landhaus) und Karl Baumeister zwischen den Kutschen. Der Gesamteindruck: Es sind vor allem Honoratioren des Dorfes, die sich in förmlicher Kleidung präsentieren, und einige Anlieger. Die einfachen Bürger und Bürgerinnen nehmen wenig Notiz.

In den vergangenen Jahrzehnten musste am Schlagbaum jeder durchfahrende Straßenbenutzer Chausseegeld bezahlen, dessen Höhe sich nach der Art des Fahrzeuges und der Personenzahl richtete. Nun, mit dem Aufkommen des Automobils erwies sich diese Straßensperre als unangebracht. Die erforderlichen Mittel für den Straßenbau kamen aus der Kraftfahrzeugsteuer.

Der Schlagbaum stand an dieser Stelle seit Jahrhunderten. Schon 1556 taucht ein „Jost uf der Kerkmesse“* (später „Jostmann“) auf, der als „Baumhüter“ bezeichnet wird. Auf der Höhe des heutigen Isselhorster Landhauses befand sich damals die Dorfsiedlungsgrenze, d.h. hier endete das Kerngebiet des Dorfes. Wer aus Hollen, Marienfeld, Steinhagen oder gar Bielefeld kam, machte hier Halt, um an den „Baumhüter“ oder „Bäumer“ das geforderte Wegegeld zu entrichten. Dieser war „Beamter` des Grafen von Ravensberg und wegen seiner Tätigkeit selber steuerfrei.

Der Schlagbaum wurde alle 10 Jahre vom Landratsamt gegen Höchstgebot verpachtet. Für ein Pferd, einen Ochsen oder eine Kuh waren zwei Pfennig Straßenzoll zu entrichten, die dem Pächter unaufgefordert in sein „Büro“ zu bringen waren. Ein gefederter Wagen kostete dagegen eine Gebühr von zehn Pfennig, die sich der Geldeinnehmer selbst abholen musste. Hatte der Geldeinnehmer das Knallen der Peitsche überhört oder erschien er aus anderem Grund nicht sofort, so gingen ihm die Fahrzeuge „durch die Latten“, er hatte das „Nachsehen“. Ganz findige Dorfbewohner nutzten einen „Trick“, um das Wegegeld zu sparen: Sie stellten ihre Pferde in den Stallungen des Gasthauses Kramer unter und passierten den Schlagbaum zu Fuß.

Als dieses Foto entstand, hatte die Wirtschaft des Deutschen Kaiserreiches die Phase der Hochindustrialisierung erreicht. Das Foto macht augenscheinlich, dass zur gleichen Zeiten zwei völlig unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungsstufen erreicht waren: Das Leben in den Industriegebieten des Reiches unterschied sich vollständig vom Leben auf dem Lande, in den Dörfern: Dort war die Landwirtschaft die Haupterwerbsquelle, die Menschen lebten in überschaubaren sozialen Bezügen, nicht in Mietskasernen, jahrhundertealte Traditionen, z.B. die Erhebung des Wegegeldes an Schlagbäumen, wurden erst allmählich aufgegeben. Und wiederum gleichzeitig: Im Dorf gab es – als Erscheinung der neuen Zeit – auch eine Fabrik, die Weberei, in der 100 Männer, Mädchen und Frauen beschäftigt waren: Die Männer häufig in Nebenerwerb, denn sie mussten ihren Hof bewirtschaften, die Mädchen oft im Vollerwerb (z.B. als Schererinnen, Näherinnen), sie erhielten den geringeren Lohn, ihre Beschäftigung war also betriebswirtschaftlich günstiger. Auch das selbstfahrende Auto, ein weiteres Symbol der neuen Zeit, erreichte das Dorf: Der Fabrikbesitzer konnte es sich leisten.

*Der Begriff „Kerkmesse“ hatte mehrere Bedeutungen: Er bezeichnete die Kirmes im Sinne von Kirchweihfest und in diesem Fall das Gemeindeland, das war das der Kirche zugemessene Gelände bei der Ausstattung der Pfarrkirche um 1200.

Textgrundlage: Renate Plöger, „Schlagbaum hoch!“, Lebendiges Isselhorst H. 4, Juni 1980, S. 1f.
Aktualisierung: Siegfried Bethlehem, im November 2019